Kommentar: der Frieden, den sie meinen

Heute, am 23.11. soll Sumaya Farhat-Naser auf Einladung der katholischen Hochschulgruppe in Würzburg sprechen. Farhat-Naser gilt landauf landab als respektable, ja mutige Friedensaktivistin. Ein Mut, der darin bestehen soll, Israel die Schuld an allem zu geben, was in ihrem Heimatland Palästina schief läuft. Sowas hört man in Deutschland gerne, sowas verschafft einem Auftritte und Friedenspreise (1) noch und nöcher.

Dabei hat Farhat-Naser einige entscheidende Vorteile zu bieten gegenüber manch anderem bekannten Gesicht der Israelkritikerszene. Neben ihrer liebenswürdig-mütterlichen Art ist es die Tatsache, dass sie die Juden nicht gleich ins Meer zurücktreiben will. Ihr christlicher Glaube freilich bewahrt sie auch davor, sich den üblichen islamistischen Halsabschneidern der Region anzubiedern. Da in Deutschland der Antisemitismus bekanntermaßen erst beim Holocaust anfängt (2) – alles darunter ist eine Ordnungswidrigkeit, wie der Schauspieler Gerd Buurmann mal treffend bemerkte – ist Farhat-Naser damit frei von dem schwerwiegenden Verdacht, dass sie ja die Juden hassen könnte.

Der Deutschen Lieblingsthema: Israel
Nicht, dass es der Israelkritik in Deutschland je geschadet hätte, wenn dieser Vorwurf im Raum stand. Es ist ja gerade die Funktion der „Israelkritik“, den Antisemitismus in einem unbelasteten Gewand zu perpetuieren. Gerade noch der Vorwurf des Antisemitismus erinnert deutsche Antizionisten nur schmerzlich an die innere Notwendigkeit die sie verspüren, Israel zu kritisieren. Anders als mit solch pathischem Wiederholungszwang ist die Obsession mit dem kleinen (8 Millionen Menschen auf einem Gebiet der Größe Hessens) nahöstlichen Staat nicht zu verstehen. Ihr sekundärer Antisemitismus drängt sie dazu. Sie kritisieren den jüdischen Staat nicht trotz, sondern gerade wegen Auschwitz. „Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen,“ pflegte der Arzt und Autor Zvi Rex zu sagen.

Falls diese Obsession mit Israel noch bewiesen werden müsste, möge man sich folgendes vor Augen führen: die israelische Besatzung kennt jeder. Die Kriege und der Terrorismus gegen die Bevölkerung Israels hat es sogar dazu gebracht als DER Nahostkonflikt bezeichnet zu werden. Von der Besatzung Nordzyperns oder der Westsahara hört man in Deutschland freilich wenig. Die Kriege der arabischen Staaten untereinander oder mit dem Iran oder den Kurden scheinen nicht zu Nahost zu gehören, denn sie fordern ein vielfaches an Menschenleben ohne es zur Würde DES Nahostkonflikts zu bringen. Der fundamentale Unterschied ist eben, dass Israel ein mehrheitlich jüdischer Staat ist – und alle anderen nicht. Und für solche gelten eben andere Maßstäbe.

Gebrüder Grimm in Palästina
Ob Farhat-Naser manifeste Antisemitin ist, sei dahingestellt. Es ist eine müßige Diskussion und man sollte doch das bestmögliche von einem Menschen annehmen. Dann ist Farhat-Nasers Aktivismus als ehrliches, christlich motiviertes Interesse an Frieden in ihrer Heimat zu verstehen. Was Farhat-Naser aber dann definitiv vorzuwerfen ist, dass sie Antisemitismus verbreitet – und damit eben nicht wirksame Friedenspolitik betreibt, sondern Hass schürt und den Krieg gegen Israel deckt. Ihre öffentlichen Äußerungen sind mit einseitig noch harmlos umschrieben. Sie zeichnen die klassische Schurkengeschichte, die in Europa so beliebt ist: die Juden kamen und sie stahlen. Den Palästinensern das Land, die Würde, das Leben. Diese sind arme, unschuldige Opfer. Alles was verwerfliches passiert, ist ultimativ wieder Israels Schuld. Denn, als gute Christin lehnt Farhat-Naser Gewalt natürlich ab, „doch was Israel betreibt, ist höchste Stufe des Terrors: Es ist Staatsterror.“ [3]

So schlimm wie die Juden kann eben auch die Mörderbande von Hamas, Fatah und Islamischer Jihad nicht sein. Egal wie sehr sie sich anstrengen. Das ist alles die alte Leier vom kindlich-naiven Orientalen, der ja eigentlich gar keine bewussten Entscheidungen treffen kann. Dass diese Geschichte sich von waschechten Arabern dann angeeignet wird – quasi in dialektischer Wendung als eigene Entscheidung – um damit ihren Opferdiskurs zu untermauern, ist leider auch keine Neuigkeit, macht das Ganze aber auch nicht geschmackvoller.

Im Land der Judenvernichtung aber geht das weg wie warme Semmeln. Farhat-Naser verkauft den Antizionismus quasi als Gesamtpaket, mit dem wohligen Gefühl pazifistisch-moralischer Überlegenheit und einem großem Glas der üblichen Lügen zum runterspülen. Gaza ist trotz des Rückzugs israelischer Truppen „besetzt“; die Juden klauen den Palästinensern das Wasser, wie es ja schon Kanzlerkandidat Martin Schulz zu berichten wusste; Israel und nicht die Palästinenserfraktionen haben die Oslo-Verträge gebrochen; die Sperranlage an der Grenze zum Westjordanland sei nicht zum Schutz der Israelis sondern zur Schikane der Palästinenser da usw. usf. Frei nach Adorno: Antizionismus ist das Gerücht über den Staat Israel. Es muss nur genug getuschelt werden, nur genug Dreck fliegen und am Ende bleibt immer was hängen. Egal, ob es auch stimmt.

Endlich Frieden ohne Juden
Was beim Publikum dabei herauskommt ist deutscher Friedensaktivismus in seiner schlechtesten Form. Nachdem die existenzielle Bedrohung Israels nämlich so großzügig unter den Teppich gekehrt wurde und im Gegenzug ein wahrer Berg an Anklagen mit mindestens zweifelhaftem Bezug zur Realität aufgetürmt wurde, bleibt als Fazit: Frieden kommt, wenn Israel aufhört all das zu tun, was es nur in der Fantasie seiner Gegner tut. Bis das passiert darf man weiterhin israelische Mädchen im Schlaf erstechen (4) oder betende Menschen in einer Jerusalemer Synagoge mit der Axt niederstrecken. (5) Farhat-Naser und ihre Fans im deutschen Pazifismus werden auch weiterhin für die Täter jene Sympathie aufbringen, die sie den Israelis verweigern.

Es ist zu erwarten dass beim Vortrag heute Abend eine größere Menge friedensgesinnter Deutscher zugegen sein wird. Sie werden sich Farhat-Naser anhören, sie werden sie charmant und gebildet finden und sie werden jedes Wort glauben. Sie werden sich gegenseitig auf die Schulter klopfen und mit einem zufriedenen Wohlgefühl aus der Veranstaltung herausgehen in dem Wissen: so schlimm sind sie, die Israelis.

Und sie werden es nicht für Hass halten, wenn sie dann bei nächster Gelegenheit anmerken, dass die Juden Kriegstreiber, ja doch die eigentlichen Nazis seien.

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Sumaya_Farhat-Naser#Auszeichnungen
(2) https://www.welt.de/kultur/article133303492/So-schafft-man-den-Antisemitismus-juristisch-ab.html
(3) https://medforth.wordpress.com/2012/07/12/deutsche-friedenserziehung-i/
(4) https://www.berliner-kurier.de/news/politik—wirtschaft/israel-maedchen–13–im-schlaf-erstochen-24327062
(5) http://www.tagesspiegel.de/politik/anschlag-auf-synagoge-in-jerusalem-drei-us-buerger-und-ein-brite-getoetet/10993624.html

Kommentar: Wir waren nicht bei G20

Eigentlich sollte der Titel unseres Textes „Warum wir nicht zu G20 fahren“ lauten. Unter
dem Eindruck des vergangenen Wochenendes bereuen wir unsere Entscheidung nicht,
zuhause geblieben zu sein, müssen jedoch unseren Überlegungen einige zusätzliche
Akzente anfügen.

1. Die Wiederkehr des Immergleichen

Von vorn herein war uns klar, dass die Aktionsform des Gipfelprotestes spätestens seit
dem G8-Gipfel in Heiligendamm 2008 politisch tot ist. Der politische Kampf wurde zu
einem reinen Spektakel mitsamt Camping-Urlaub, und medienwirksamer
Selbstinszenierung. Die Hoffnung der radikalen Linken durch den Verzicht auf ein klares
inhaltliches Profil zugunsten einer fast uneingeschränkten Bündnispolitik konkrete
revolutionäre Handlungsfähigkeit zu gewinnen hat sich als grundfalsch herausgestellt. Das
taktische Konzept des Gipfelprotestes ging zwar vollständig auf: Zehntausende reisten in
den hintersten Winkel von Mecklenburg-Vorpommern, foppten die Polizei und blockierten
über Tage hinweg erfolgreich die Zufahrtswege zum Gipfel. Dieser wurde davon jedoch
völlig unbeeindruckt erfolgreich fortgesetzt. Weil von den Protesten inhaltlich nichts mehr
übrig blieb, als ein diffuses „Dagegen-Sein“, führte der symbolische Erfolg für die radikale
Linke zu nichts weiter, als zum nächsten Gipfelprotest.

Der politische Preis dieses Bündniserfolgs war die Akzeptanz diverser reaktionärer
Positionen in den eigenen Reihen. Selbes war auch auf dem G20-Gipfel in Hamburg
dieses Wochenende zu beobachten. Wenn sich vermeintlich fortschrittliche Kommunisten
mit Aktivisten von BDS („Boycott, Divestment and Sanctions“) und anderen Antisemiten
aller Couleur gemein machen, dann hilft auch ein Transparent „gegen jeden
Antisemitismus“ über der Roten Flora nichts mehr. Es dient im Gegenteil nur noch als
Feigenblatt, das über inhaltliche Gemeinsamkeiten hinwegtäuschen soll: Gemein ist allen
Bündnisgruppen der Hang zu personalisiertem und moralinsaurem Antikapitalismus. Nicht
umsonst will der Anwalt der Roten Flora, Andreas Beuth, die marodierenden Jungmänner
statt ins heimische Schanzenviertel (wo ja die „eigenen Geschäfte“ sind) lieber in die
Villenviertel Blankenese oder Pöseldorf schicken. (1)

Wo sich die Rote Flora nur um die Reinheit des heimischen Viertels sorgt, geriert sich die
Gesamtbewegung als Verteidiger der deutschen bzw. deutsch-europäischen Interessen.
Vor der neuen autoritären Achse Putin-Erdogan-Trump sieht sich das linksliberale
Protestbürgertum als Bewahrer demokratischer Werte. So behauptet ein Kommentar der
erzliberalen „Zeit“ eine an und für sich aufs Weltwohl gerichtete Politik vor, die jetzt durch
Trumps Egoismus zunichte gemacht werde. (2) Bereits 1845/46 formulierte Karl Marx
treffend dass „die nationale Borniertheit überall widerlich ist, so wird sie namentlich in
Deutschland ekelhaft, weil sie hier mit der Illusion, über die Nationalität und über alle
wirklichen Interessen erhaben zu sein, denjenigen Nationalitäten entgegengehalten wird,
die ihre nationale Borniertheit und ihr Beruhen auf wirklichen Interessen offen
eingestehen.“ (3)

2. Feuer und Flamme der Zivilisation

Angesichts solcher deutschnationaler Globalisierungsfeindschaft muss man den
Krawallmachern schon fast dankbar sein, dass ihre Taten die nationale und internationale
Medienlandschaft umfassend dominierten. Zwischen brennenden Autos und geplünderten
Geschäften blieb wenig Platz für angeblich so „gute und richtige Inhalte“ wie die Empörung
über die Machenschaften des US-Imperialismus und des internationalen Finanzjudentums.

Dank der narzisstischen Gewalt der Marodeure blieb das gesamte Spektrum der
Zinskritiker von Attac bis zu offenen Antisemiten wie BDS und F..O.R Palestine ungehört.
Nicht dass das ihre Intention gewesen wäre. Die Rackets des insurrektionistischen
Anarchismus, die sich das Wochenende über an ihrer eigenen Macht berauschten, haben
schon immer den militärischen Sieg über die Polizei als das einzige zu bewältigende
Problem gesehen. Wo die Staatsmacht verschwindet, so die Annahme, da soll die befreite
Gesellschaft aufscheinen. Was da in Hamburg aber aufschien, als das Gewaltmonopol
des Staates temporär ins Wanken geriet, war bloß das Faustrecht der enthemmten
Männerbünde. Wo die Revolution eigentlich die Antwort sein soll auf Fragen wie die, wer
Oma denn pflegt, wenn sie kein Geld mehr hat, warfen die Krawalle in Hamburg nur neue
Fragen auf; z.B. wer Oma pflegt, wenn der Fiat Punto des Pflegedienstes ausgebrannt ist.
Der Kult des Spontanen im Anarchismus endete in der Entfesselung des kapitalistischen
Krieges Aller-gegen-Aller. Wo die zivilisatorischen Grenzen der bürgerlich-kapitalistischen
Gesellschaft gesprengt werden, ohne dass es zu einer Revolutionierung der
gesellschaftlichen Grundbedingungen kommt, muss dies zwangsläufig in offener Barbarei
enden.

Das Erfolgserlebnis, das die Auseinandersetzung mit der Polizei den militanten Linken
verschaffte, entpuppt sich politisch als Pyrrhussieg. Selbst wenn es nur um ein
symbolisches Zeichen revolutionärer Bereitschaft gehen sollte („Ums-Ganze“) bestand nie
eine Chance diesen taktischen Sieg zu nutzen. Von vornherein fehlte den Radikalen die
Infrastruktur, um auch ohne den massiven Gewaltexzess nur den Ansatz einer Chance auf Deutungshoheit über das Geschehene zu bekommen. Ohne gesellschaftliche Relevanz verbleibt man so aber Objekt statt Subjekt der Geschichte des Gipfelprotestes. Das erlebnisorientierte Marodieren von Großevent zu Großevent versetzt Niemanden in die Lage, diese Bedingungen des eigenen politischen Handelns zu verändern.

3. Volksfront gegen Chaoten

Barbarisch sind freilich nicht nur die Krawallbrüder im Hamburger Schanzenviertel. Wo
sich fast die komplette Gesellschaft hinter „unsere Polizei“ stellt und öffentlich diverser
Gewalt- und Straffantasien frönt, zeigt sich, wie bitter nötig Deutschland eine bürgerliche
Revolution gehabt hätte. Wo in Frankreich und den USA die Gesellschaft und der Staat
zwei getrennte Sphären sind, ist die unbedingte Identifikation mit der Staatsmacht Teil des
deutschen Nationalcharakters. Nicht, dass die Sympathien in diesen Ländern für
Randalierer und Plünderer größer wären, aber nur so ist zu erklären, dass die deutsche
Presse (teils schon im vorauseilendem Gehorsam) weitestgehend den Aufforderungen u.a. der deutschen Polizeigewerkschaft Berlin nachkamen, „hinter unserer Polizei zustehen! (sic!)“ (4), also ihren Job als kritische Berichterstatter nicht zu machen.
Dass bei politischen Großveranstaltungen ein partieller Ausnahmezustand gilt und die
Polizei ihre eigenen Gesetze nicht ganz so eng sieht, ist weder neu noch überraschend.
Bedrohlich ist vor allem der Schulterschluss mit den Institutionen staatlicher Herrschaft
über alle Partei- und Klassengrenzen hinweg. Die Parallelisierungen einiger Sachschäden
mit faschistischem Terrorismus (ob aus islamischem oder rassistischem Kontext) und die
unerträglichen Vergleiche mit der Zeit des Nationalsozialismus lassen tief blicken in die
Abgründe der deutschen Volkskörpers. Die Figur des Chaoten fungiert als austauschbares
Bild für den Verräter am eigenen Volk (und seiner Automobile) und dem Störer von Ruhe
und Ordnung. An ihm will der Volksgenosse sein Strafbedürfnis ausleben. Er soll bluten,
für das Leid, das man selbst täglich in der Mühle der kapitalistischen Verwertung ertragen
muss. „Wer hart gegen sich ist, der erkauft sich das Recht, hart auch gegen andere zu
sein, und rächt sich für den Schmerz, dessen Regungen er nicht zeigen durfte.“ (5)

Es bleibt zu hoffen, dass sich kritische Kommunisten vom allgemeinen Wahnsinn um die
Geschehnisse dieses Wochenendes nicht anstecken lassen.

(1) https://twitter.com/ndr/status/883635641917067264
(2) „Die Globalisierung lässt sich für alle vorteilhaft gestalten – das könnte die Hoffnung der
G20 sein. Mit Donald Trump, der nur den eigenen Gewinn sieht, ist das vorbei.“
http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-07/g20-donald-trump-protektionismus
(3) Karl Marx: Die Deutsche Ideologie
(4) https://twitter.com/DPolGBerlin/status/883577504392458240
(5) Theodor W. Adorno: Erziehung nach Auschwitz

Kommentar: Mythos Bettelmafia

Ein Mann misshandelt seinen Hund auf offener Straße, Passanten schreiten ein, ihm wird das Tier abgenommen. Damit hätte man den Fall, der sich kürzlich in Würzburg abspielte, zusammenfassen können – und es dabei belassen. Doch bei dem Mann handelte es sich um einen Bettler osteuropäischer Herkunft und diese Kombination der beiden größten Verbrechen gegen das gesunde deutsche Volksempfinden – keine Arbeit und kein deutsches Blut – lässt die fränkische Volksseele brodeln.

Dabei war das Urteil schnell gefällt: Osteuropäer, Bettler und dann auch noch mit einem Hund, den er sich offensichtlich nur angeschafft hatte, um die Einnahmen zu erhöhen. Das muss organisierte Kriminalität sein. In einer Pressemitteilung fühlt sich beispielsweise die TierTafel Würzburg dazu berufen, vor einer „organisierten osteuropäischen Bettlermafia“ zu warnen, denen man bloss nichts spenden solle. Das Geld mitleidiger Passanten müssten diese Bettler abgeben, wird im Brustton der Überzeugung verkündet.

Auch die örtlichen Behörden sind der festen Überzeugung, dass es echte (also deutsche) Obdachlose und Bettler auf der einen, aber eine kriminelle Bettlermafia auf der anderen Seite gebe. So galten subjektiv aufdringlichere Bettler dem lokalen Blog WürzburgErleben schon vor einem Jahr nicht als Ausdruck wachsender Konkurrenz bei sinkender Spendenbereitschaft, sondern als Zeichen des Eindringens von Bettlerbanden aus dem Balkan in die heimische Volksgemeinschaft, was das Polizeipräsidium Unterfranken bereitwillig bestätigte:„Organisierte Bettlerbanden gibt es in jeder größeren Stadt. So eben auch in Würzburg. Meist werden kurz bevor die Geschäfte öffnen, Bettler mit Bussen und Kleintransportern an zentrale Orte gebracht und suchen sich von dort ihre Plätze. Ob kniende Frauen mit Kleinkindern oder gehbinderte Menschen – je hilfsbedürftiger sie aussehen, umso mehr lässt sich „erbetteln“.“

Dass es sich bei der ominösen Bettlermafia aus Osteuropa um einen ausgemachten urbanen Mythos mit mehr als nur rassistischen Untertönen handelt, daran ändert auch die feste Überzeugung ihrer Verkünder nichts. Mangelnde Nachweise für ihre Existenz und fehlende Verurteilungen der angeblich kriminell organisierten Bettler werden bloss als Beweise für die besondere Durchtriebenheit der Berufsbettler gewertet, womit man sein Weltbild wasserdicht gegen jeden Zweifel abgedichtet hat. Unterdessen werden, immer mal wieder, zarte Expertenstimmen laut, die genau diesen mangelnden Wahrheitsgehalt des Märchens von der Bettlermafia bezeugen.

So beispielsweise der Sozialwissenschaftler Heinz Schoibl, der 2013 in Salzburg eine Studie zur Situation von Bettlern durchgeführt hat und kein einziges Indiz für die Existenz krimineller Strukturen finden konnte. Auch die Luxemburger Politologin Karin Waringo winkt ab und wunderte sich im selben Jahr in der FAZ über die Hartnäckigkeit, mit der sich diese Geschichten in der Öffentlichkeit über Jahrzehnte ohne jeden Beweis halten können: „Das große Geld lasse sich mit Betteln nicht verdienen, hält sie dem entgegen – wer das nicht glaube, müsse sich nur einmal etwas länger in die Nähe eines Bettlers stellen.“

Dass gerade die Polizei in Unterfranken zu den überzeugten Verbreitern dieses Mythos gehört darf indes nicht verwundern. Spätestens seit dem Auffliegen der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“, die über Jahrzehnte in ganz Deutschland gemordet hatte, sollte doch einiger Zweifel angebracht sein, wenn Beamte uns den Ausländer als Täter im Verborgenen erklären: die Polizei hatte stets im Umfeld der Opfer nach den Schuldigen gefahndet, war sich sicher gewesen, dass diese in organisierte Kriminalität verwickelt waren.

Dieser Hinweis auf das Vorgehen der Behörden bei den NSU-Morden ist keine leere Polemik. In der Person Wolfgang Geier gibt es eine Verbindung zwischen dem rassistischen Klima im Unterfrankener Polizeipräsidium und dem Vorgehen der Fahnder im Fall der NSU-Mordserie. Der Würzburger Geier übernahm 2005 die Ermittlungen der SOKO „Bosporus“, die Täter vermutete er in der türkischen Community. Die Opfer könnten in der Drogenszene aktiv gewesen sein, sagte er in einem Interview. Von einem rassistischen Motiv halte er „überhaupt nichts“.

Dass ihr Weltbild mit der Realität ganz offenkundig nicht übereinstimmt ficht jene, die an die „Bettelmafia“ glauben aber nicht an. Im Gegenteil erscheinen ihre Überzeugungen so krisenresistent, so losgelöst von jeder Notwendigkeit durch Fakten validiert zu werden, dass wohl nur psychologische Erklärungen weiterführen.

Wer sich vom wortwörtlichen Hundeblick erweichen lässt, aber seine Mitmenschen mit Verachtung straft, der hat ein offensichtliches Problem. Bei wem das Elend anderer Menschen vor allem das Bedürfnis weckt, diese für ihre Armut zu bestrafen, der ist ein ausgemachtes autoritäres Arschloch – und muss diese Erkenntnis beständig abwehren. Wie das passieren kann, dafür liefert die öffentliche Debatte über den jüngsten Fall des Tierquälers in Würzburg einige deutliche Hinweise. Die eigene Unfähigkeit, für den Menschen statt für sein Tier Mitgefühl zu empfinden, wird dem Bettler in pathischer Projektion als Bosheit angedichtet. Die eigene Knauserigkeit im Angesicht von himmelschreiender Ungerechtigkeit wird mit der Konstruktion einer angeblichen „Bettlermafia“ gerechtfertigt.

Für die Betroffenen indes hat das Ganze schwerwiegendere Konsequenzen als bloss mangelnde Spendenbereitschaft. Der Generalverdacht gegen Obdachlose und Bettler hilft vielerorts, Repression und Vertreibung derer vorzubereiten, die nicht ins Stadtbild passen. Immer wieder nehmen vermeintlich rechtschaffende Bürger das Gesetz auch gerne selbst in die Hand. Übergriffe gegen Bettler und Obdachlose sind ebenso an der Tagesordnung wie gegen Sinti und Roma ganz allgemein, denn nicht selten fungiert „osteuropäisch“ bloss noch als politisch korrekter code für „Zigeuner“.

Dass jemand, der seinen Hund misshandelt, diesen abgeben muss, gebietet das Erbarmen gegenüber der Kreatur. Bettler sind keine besseren oder schlechteren Menschen als der Rest der Bevölkerung und Armut entlässt Niemanden aus der Verantwortung für sein Handeln. Doch die Rede von der „Bettlermafia“ dient nicht selten auch dazu, Tiere von jenen Obdachlosen loszureissen, die ihnen stets treuer Partner und Freund waren. Und mehr noch, wenn die öffentliche Hysterie besonders hohe Wellen schlägt, dann werden ganze Familien zerstört, heisst es doch nicht zuletzt auch, dass Kinder von Sinti und Roma entführt werden, um sie zum Betteln zu zwingen:

2013 kam es in ganz Europa zu Übergriffen auf Sinti und Roma. In mehreren Fällen wurden Eltern auf offener Straße ihre Kinder entrissen. Der Grund war der Fall Maria. Ein blondes, blauäugiges Mädchen, das in Griechenland in Obhut einer Roma-Frau gefunden wurde. Schnell war der Fall für die Öffentlichkeit klar, das Kind muss von der Zigeunermafia entführt worden sein. Ein DNA-Test bestätigte, das Kind war nicht die leibliche Tochter der Frau und untermauerte scheinbar die Erzählung von den Roma-Clans, die Kinder raubten. Doch das blonde, bläugige Mädchen, so stellte sich heraus, war nicht entführt worden. Eleftheria Dimopoulou hatte das Mädchen adoptiert, von einer anderen Roma-Frau, die sich nicht in der Lage sah, für das Kind zu sorgen. Die vermeintliche Geschichte von der kriminellen Durchtriebenheit der Zigeuner enttarnte sich als Geschichte von Großherzigkeit noch in bitterster Armut. Und als Geschichte von den Konsequenzen rassistischer Hetze.

Vortrag: Zur Kritik der Prostitution

Samstag 4. Februar 2017

Zur Kritik der Prostitution – in Theorie und Praxis

Prostitution kann zu Recht als eines der Goldenen Kälber des Feminismus bezeichnet werden: Kaum ein Thema erzeugt innerhalb feministischer Kreise so viele, teils erbittert geführte Kontroversen. Der liberale und queere Feminismus der Dritten Welle hat sich mittlerweile die Deutungshoheit erobert, Prostitution in »Sexarbeit« umbenannt und ihr empowerndes, gar emanzipatorisches Potential zugeschrieben. So heißt es, dass selbstbestimmte Sexarbeit mit dem Feminismus nicht nur vereinbar, sondern per se auch feministisch sei. Veranstaltungen wie die Ladyfeste lassen regelmäßig Frauen referieren, die das Narrativ der glücklichen Sexarbeiterin bedienen, in aller Regel in individualistisch-liberaler Manier. Was hier oft zu kurz kommt, ist jedoch zum einen die Frage, wie Prostitution in ihrer aktuellen Ausprägung gesellschaftlich ermöglicht wird, zum anderen sind es die Stimmen derjenigen Frauen in der Prostitution, die nicht das Narrativ vom »Job wie jeder andere« bedienen. Der Vortrag wird Prostitution vor dem Hintergrund patriarchaler Geschlechterverhältnisse aufrollen und ein Grundgerüst liefern, um diese Institution über individuelle Betroffenengeschichten hinaus zu analysieren.

Naida Pintul arbeitet ehrenamtlich in einer Beratungsstelle für Frauen in der Prostitution, versteht sich als antideutsche Radikalfeministin, hält Vorträge zu diversen feministischen Themen (zuletzt zu Rape Culture und Reproduktionsrechten) und verachtet als Anhängerin der Zweiten Welle die postmoderne Beliebigkeit.

Ort: CAIRO Jugendkulturhaus Würzburg, Fred-Joseph-Platz 3
Beginn 20:00 Uhr
Eintritt frei

Seminar: Ich, Wir und „die Anderen“ – Aspekte des Rassismus

Rassismus, was ist das eigentlich? Eine scheinbar unschuldige Frage kann große Teile der politischen Linken ganz schön ins Schwitzen bringen und gerade jene, die sich am energischsten dem Kampf gegen Rassismus verschrieben haben, können oft am Wenigsten erklären.

Hat Rassismus jetzt etwas mit Kapitalismus zu tun oder ist er von ihm unabhängig? Ist Antisemitismus nur eine weitere Form von Rassismus oder doch etwas ganz anderes? Was kam zuerst, die rassistische Ideologie oder die Unterdrückung rassistisch diskriminierter Individuen und Gruppen? Ist die Vorstellung biologischer Rassen überhaupt zentral für eine rassistische Ideologie? Und was hat es mit dem Gerede von „Privilegien“ und „Weißsein“ auf sich, das gerade en vogue ist?

Diesen und anderen Fragen wollen wir uns gerne mit euch stellen. Dabei gehen wir davon aus, dass sich ein so vielfältiges und historisch wandlungsfähiges Phänomen wie der Rassismus gar nicht genau auf eine Begriff bringen lässt. Unser Ansatz ist daher, sich einem Verständnis fragmentarisch zu nähern, anhand der Lektüre verschiedener Texte, die unterschiedliche Aspekte des Rassismus behandeln.

Wie immer ist die Teilnahme umsonst und eine Voranmeldung nicht erforderlich.

Wir freuen uns auf reges Interesse. Übrigens: auch wenn wir selbstverständlich die Teilnahme an allen Terminen empfehlen, so können diese auch unabhängig voneinander besucht werden, da jeder Text für sich selbst steht. Es werden Snacks gegen Spende bereitgestellt und eine kompetente Seminarsleitung steht bereit, um auch Anfängern ohne Vorwissen zu einem guten Verständnis des Gelesenen zu verhelfen.

Der Veranstaltungsort ist in der Gutenbergstraße 3. Klingel und Eingang befinden sich im Hof, rechts neben dem Umsonstladen „Luftschloß“.

Termine:

12.11.2016 um 15 Uhr – Stärken und Schwächen verschiedener Rassismustheorien

19.11.2016 um 15 Uhr – Der Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus

26.11.2016 um 15 Uhr – Antiziganismus

3.12.2016 um 15 Uhr – Zur Kritik der „Critical Whiteness“

10.12.2016 um 15 Uhr – Kultureller Rassismus

17.12.2016 um 15 Uhr – Fremd- und Eigenrassifizierung