Kommentar: Mythos Bettelmafia

Ein Mann misshandelt seinen Hund auf offener Straße, Passanten schreiten ein, ihm wird das Tier abgenommen. Damit hätte man den Fall, der sich kürzlich in Würzburg abspielte, zusammenfassen können – und es dabei belassen. Doch bei dem Mann handelte es sich um einen Bettler osteuropäischer Herkunft und diese Kombination der beiden größten Verbrechen gegen das gesunde deutsche Volksempfinden – keine Arbeit und kein deutsches Blut – lässt die fränkische Volksseele brodeln.

Dabei war das Urteil schnell gefällt: Osteuropäer, Bettler und dann auch noch mit einem Hund, den er sich offensichtlich nur angeschafft hatte, um die Einnahmen zu erhöhen. Das muss organisierte Kriminalität sein. In einer Pressemitteilung fühlt sich beispielsweise die TierTafel Würzburg dazu berufen, vor einer „organisierten osteuropäischen Bettlermafia“ zu warnen, denen man bloss nichts spenden solle. Das Geld mitleidiger Passanten müssten diese Bettler abgeben, wird im Brustton der Überzeugung verkündet.

Auch die örtlichen Behörden sind der festen Überzeugung, dass es echte (also deutsche) Obdachlose und Bettler auf der einen, aber eine kriminelle Bettlermafia auf der anderen Seite gebe. So galten subjektiv aufdringlichere Bettler dem lokalen Blog WürzburgErleben schon vor einem Jahr nicht als Ausdruck wachsender Konkurrenz bei sinkender Spendenbereitschaft, sondern als Zeichen des Eindringens von Bettlerbanden aus dem Balkan in die heimische Volksgemeinschaft, was das Polizeipräsidium Unterfranken bereitwillig bestätigte:„Organisierte Bettlerbanden gibt es in jeder größeren Stadt. So eben auch in Würzburg. Meist werden kurz bevor die Geschäfte öffnen, Bettler mit Bussen und Kleintransportern an zentrale Orte gebracht und suchen sich von dort ihre Plätze. Ob kniende Frauen mit Kleinkindern oder gehbinderte Menschen – je hilfsbedürftiger sie aussehen, umso mehr lässt sich „erbetteln“.“

Dass es sich bei der ominösen Bettlermafia aus Osteuropa um einen ausgemachten urbanen Mythos mit mehr als nur rassistischen Untertönen handelt, daran ändert auch die feste Überzeugung ihrer Verkünder nichts. Mangelnde Nachweise für ihre Existenz und fehlende Verurteilungen der angeblich kriminell organisierten Bettler werden bloss als Beweise für die besondere Durchtriebenheit der Berufsbettler gewertet, womit man sein Weltbild wasserdicht gegen jeden Zweifel abgedichtet hat. Unterdessen werden, immer mal wieder, zarte Expertenstimmen laut, die genau diesen mangelnden Wahrheitsgehalt des Märchens von der Bettlermafia bezeugen.

So beispielsweise der Sozialwissenschaftler Heinz Schoibl, der 2013 in Salzburg eine Studie zur Situation von Bettlern durchgeführt hat und kein einziges Indiz für die Existenz krimineller Strukturen finden konnte. Auch die Luxemburger Politologin Karin Waringo winkt ab und wunderte sich im selben Jahr in der FAZ über die Hartnäckigkeit, mit der sich diese Geschichten in der Öffentlichkeit über Jahrzehnte ohne jeden Beweis halten können: „Das große Geld lasse sich mit Betteln nicht verdienen, hält sie dem entgegen – wer das nicht glaube, müsse sich nur einmal etwas länger in die Nähe eines Bettlers stellen.“

Dass gerade die Polizei in Unterfranken zu den überzeugten Verbreitern dieses Mythos gehört darf indes nicht verwundern. Spätestens seit dem Auffliegen der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“, die über Jahrzehnte in ganz Deutschland gemordet hatte, sollte doch einiger Zweifel angebracht sein, wenn Beamte uns den Ausländer als Täter im Verborgenen erklären: die Polizei hatte stets im Umfeld der Opfer nach den Schuldigen gefahndet, war sich sicher gewesen, dass diese in organisierte Kriminalität verwickelt waren.

Dieser Hinweis auf das Vorgehen der Behörden bei den NSU-Morden ist keine leere Polemik. In der Person Wolfgang Geier gibt es eine Verbindung zwischen dem rassistischen Klima im Unterfrankener Polizeipräsidium und dem Vorgehen der Fahnder im Fall der NSU-Mordserie. Der Würzburger Geier übernahm 2005 die Ermittlungen der SOKO „Bosporus“, die Täter vermutete er in der türkischen Community. Die Opfer könnten in der Drogenszene aktiv gewesen sein, sagte er in einem Interview. Von einem rassistischen Motiv halte er „überhaupt nichts“.

Dass ihr Weltbild mit der Realität ganz offenkundig nicht übereinstimmt ficht jene, die an die „Bettelmafia“ glauben aber nicht an. Im Gegenteil erscheinen ihre Überzeugungen so krisenresistent, so losgelöst von jeder Notwendigkeit durch Fakten validiert zu werden, dass wohl nur psychologische Erklärungen weiterführen.

Wer sich vom wortwörtlichen Hundeblick erweichen lässt, aber seine Mitmenschen mit Verachtung straft, der hat ein offensichtliches Problem. Bei wem das Elend anderer Menschen vor allem das Bedürfnis weckt, diese für ihre Armut zu bestrafen, der ist ein ausgemachtes autoritäres Arschloch – und muss diese Erkenntnis beständig abwehren. Wie das passieren kann, dafür liefert die öffentliche Debatte über den jüngsten Fall des Tierquälers in Würzburg einige deutliche Hinweise. Die eigene Unfähigkeit, für den Menschen statt für sein Tier Mitgefühl zu empfinden, wird dem Bettler in pathischer Projektion als Bosheit angedichtet. Die eigene Knauserigkeit im Angesicht von himmelschreiender Ungerechtigkeit wird mit der Konstruktion einer angeblichen „Bettlermafia“ gerechtfertigt.

Für die Betroffenen indes hat das Ganze schwerwiegendere Konsequenzen als bloss mangelnde Spendenbereitschaft. Der Generalverdacht gegen Obdachlose und Bettler hilft vielerorts, Repression und Vertreibung derer vorzubereiten, die nicht ins Stadtbild passen. Immer wieder nehmen vermeintlich rechtschaffende Bürger das Gesetz auch gerne selbst in die Hand. Übergriffe gegen Bettler und Obdachlose sind ebenso an der Tagesordnung wie gegen Sinti und Roma ganz allgemein, denn nicht selten fungiert „osteuropäisch“ bloss noch als politisch korrekter code für „Zigeuner“.

Dass jemand, der seinen Hund misshandelt, diesen abgeben muss, gebietet das Erbarmen gegenüber der Kreatur. Bettler sind keine besseren oder schlechteren Menschen als der Rest der Bevölkerung und Armut entlässt Niemanden aus der Verantwortung für sein Handeln. Doch die Rede von der „Bettlermafia“ dient nicht selten auch dazu, Tiere von jenen Obdachlosen loszureissen, die ihnen stets treuer Partner und Freund waren. Und mehr noch, wenn die öffentliche Hysterie besonders hohe Wellen schlägt, dann werden ganze Familien zerstört, heisst es doch nicht zuletzt auch, dass Kinder von Sinti und Roma entführt werden, um sie zum Betteln zu zwingen:

2013 kam es in ganz Europa zu Übergriffen auf Sinti und Roma. In mehreren Fällen wurden Eltern auf offener Straße ihre Kinder entrissen. Der Grund war der Fall Maria. Ein blondes, blauäugiges Mädchen, das in Griechenland in Obhut einer Roma-Frau gefunden wurde. Schnell war der Fall für die Öffentlichkeit klar, das Kind muss von der Zigeunermafia entführt worden sein. Ein DNA-Test bestätigte, das Kind war nicht die leibliche Tochter der Frau und untermauerte scheinbar die Erzählung von den Roma-Clans, die Kinder raubten. Doch das blonde, bläugige Mädchen, so stellte sich heraus, war nicht entführt worden. Eleftheria Dimopoulou hatte das Mädchen adoptiert, von einer anderen Roma-Frau, die sich nicht in der Lage sah, für das Kind zu sorgen. Die vermeintliche Geschichte von der kriminellen Durchtriebenheit der Zigeuner enttarnte sich als Geschichte von Großherzigkeit noch in bitterster Armut. Und als Geschichte von den Konsequenzen rassistischer Hetze.

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