Kommentar: der Frieden, den sie meinen

Heute, am 23.11. soll Sumaya Farhat-Naser auf Einladung der katholischen Hochschulgruppe in Würzburg sprechen. Farhat-Naser gilt landauf landab als respektable, ja mutige Friedensaktivistin. Ein Mut, der darin bestehen soll, Israel die Schuld an allem zu geben, was in ihrem Heimatland Palästina schief läuft. Sowas hört man in Deutschland gerne, sowas verschafft einem Auftritte und Friedenspreise (1) noch und nöcher.

Dabei hat Farhat-Naser einige entscheidende Vorteile zu bieten gegenüber manch anderem bekannten Gesicht der Israelkritikerszene. Neben ihrer liebenswürdig-mütterlichen Art ist es die Tatsache, dass sie die Juden nicht gleich ins Meer zurücktreiben will. Ihr christlicher Glaube freilich bewahrt sie auch davor, sich den üblichen islamistischen Halsabschneidern der Region anzubiedern. Da in Deutschland der Antisemitismus bekanntermaßen erst beim Holocaust anfängt (2) – alles darunter ist eine Ordnungswidrigkeit, wie der Schauspieler Gerd Buurmann mal treffend bemerkte – ist Farhat-Naser damit frei von dem schwerwiegenden Verdacht, dass sie ja die Juden hassen könnte.

Der Deutschen Lieblingsthema: Israel
Nicht, dass es der Israelkritik in Deutschland je geschadet hätte, wenn dieser Vorwurf im Raum stand. Es ist ja gerade die Funktion der „Israelkritik“, den Antisemitismus in einem unbelasteten Gewand zu perpetuieren. Gerade noch der Vorwurf des Antisemitismus erinnert deutsche Antizionisten nur schmerzlich an die innere Notwendigkeit die sie verspüren, Israel zu kritisieren. Anders als mit solch pathischem Wiederholungszwang ist die Obsession mit dem kleinen (8 Millionen Menschen auf einem Gebiet der Größe Hessens) nahöstlichen Staat nicht zu verstehen. Ihr sekundärer Antisemitismus drängt sie dazu. Sie kritisieren den jüdischen Staat nicht trotz, sondern gerade wegen Auschwitz. „Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen,“ pflegte der Arzt und Autor Zvi Rex zu sagen.

Falls diese Obsession mit Israel noch bewiesen werden müsste, möge man sich folgendes vor Augen führen: die israelische Besatzung kennt jeder. Die Kriege und der Terrorismus gegen die Bevölkerung Israels hat es sogar dazu gebracht als DER Nahostkonflikt bezeichnet zu werden. Von der Besatzung Nordzyperns oder der Westsahara hört man in Deutschland freilich wenig. Die Kriege der arabischen Staaten untereinander oder mit dem Iran oder den Kurden scheinen nicht zu Nahost zu gehören, denn sie fordern ein vielfaches an Menschenleben ohne es zur Würde DES Nahostkonflikts zu bringen. Der fundamentale Unterschied ist eben, dass Israel ein mehrheitlich jüdischer Staat ist – und alle anderen nicht. Und für solche gelten eben andere Maßstäbe.

Gebrüder Grimm in Palästina
Ob Farhat-Naser manifeste Antisemitin ist, sei dahingestellt. Es ist eine müßige Diskussion und man sollte doch das bestmögliche von einem Menschen annehmen. Dann ist Farhat-Nasers Aktivismus als ehrliches, christlich motiviertes Interesse an Frieden in ihrer Heimat zu verstehen. Was Farhat-Naser aber dann definitiv vorzuwerfen ist, dass sie Antisemitismus verbreitet – und damit eben nicht wirksame Friedenspolitik betreibt, sondern Hass schürt und den Krieg gegen Israel deckt. Ihre öffentlichen Äußerungen sind mit einseitig noch harmlos umschrieben. Sie zeichnen die klassische Schurkengeschichte, die in Europa so beliebt ist: die Juden kamen und sie stahlen. Den Palästinensern das Land, die Würde, das Leben. Diese sind arme, unschuldige Opfer. Alles was verwerfliches passiert, ist ultimativ wieder Israels Schuld. Denn, als gute Christin lehnt Farhat-Naser Gewalt natürlich ab, „doch was Israel betreibt, ist höchste Stufe des Terrors: Es ist Staatsterror.“ [3]

So schlimm wie die Juden kann eben auch die Mörderbande von Hamas, Fatah und Islamischer Jihad nicht sein. Egal wie sehr sie sich anstrengen. Das ist alles die alte Leier vom kindlich-naiven Orientalen, der ja eigentlich gar keine bewussten Entscheidungen treffen kann. Dass diese Geschichte sich von waschechten Arabern dann angeeignet wird – quasi in dialektischer Wendung als eigene Entscheidung – um damit ihren Opferdiskurs zu untermauern, ist leider auch keine Neuigkeit, macht das Ganze aber auch nicht geschmackvoller.

Im Land der Judenvernichtung aber geht das weg wie warme Semmeln. Farhat-Naser verkauft den Antizionismus quasi als Gesamtpaket, mit dem wohligen Gefühl pazifistisch-moralischer Überlegenheit und einem großem Glas der üblichen Lügen zum runterspülen. Gaza ist trotz des Rückzugs israelischer Truppen „besetzt“; die Juden klauen den Palästinensern das Wasser, wie es ja schon Kanzlerkandidat Martin Schulz zu berichten wusste; Israel und nicht die Palästinenserfraktionen haben die Oslo-Verträge gebrochen; die Sperranlage an der Grenze zum Westjordanland sei nicht zum Schutz der Israelis sondern zur Schikane der Palästinenser da usw. usf. Frei nach Adorno: Antizionismus ist das Gerücht über den Staat Israel. Es muss nur genug getuschelt werden, nur genug Dreck fliegen und am Ende bleibt immer was hängen. Egal, ob es auch stimmt.

Endlich Frieden ohne Juden
Was beim Publikum dabei herauskommt ist deutscher Friedensaktivismus in seiner schlechtesten Form. Nachdem die existenzielle Bedrohung Israels nämlich so großzügig unter den Teppich gekehrt wurde und im Gegenzug ein wahrer Berg an Anklagen mit mindestens zweifelhaftem Bezug zur Realität aufgetürmt wurde, bleibt als Fazit: Frieden kommt, wenn Israel aufhört all das zu tun, was es nur in der Fantasie seiner Gegner tut. Bis das passiert darf man weiterhin israelische Mädchen im Schlaf erstechen (4) oder betende Menschen in einer Jerusalemer Synagoge mit der Axt niederstrecken. (5) Farhat-Naser und ihre Fans im deutschen Pazifismus werden auch weiterhin für die Täter jene Sympathie aufbringen, die sie den Israelis verweigern.

Es ist zu erwarten dass beim Vortrag heute Abend eine größere Menge friedensgesinnter Deutscher zugegen sein wird. Sie werden sich Farhat-Naser anhören, sie werden sie charmant und gebildet finden und sie werden jedes Wort glauben. Sie werden sich gegenseitig auf die Schulter klopfen und mit einem zufriedenen Wohlgefühl aus der Veranstaltung herausgehen in dem Wissen: so schlimm sind sie, die Israelis.

Und sie werden es nicht für Hass halten, wenn sie dann bei nächster Gelegenheit anmerken, dass die Juden Kriegstreiber, ja doch die eigentlichen Nazis seien.

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Sumaya_Farhat-Naser#Auszeichnungen
(2) https://www.welt.de/kultur/article133303492/So-schafft-man-den-Antisemitismus-juristisch-ab.html
(3) https://medforth.wordpress.com/2012/07/12/deutsche-friedenserziehung-i/
(4) https://www.berliner-kurier.de/news/politik—wirtschaft/israel-maedchen–13–im-schlaf-erstochen-24327062
(5) http://www.tagesspiegel.de/politik/anschlag-auf-synagoge-in-jerusalem-drei-us-buerger-und-ein-brite-getoetet/10993624.html

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